Gelesen: Unschuld

Jonathan Franzen Purity_UnschuldSo einen klitzekleinen Weihnachtsmoment hatte ich in diesem Jahr bereits Anfang September. Und der lag nicht daran, dass die Supermärkte im Wettkampf um eine immer früher beginnende Weihnachtsauslage bereits mit dem Verkauf von Marzipankugeln und Stollen begonnen hatten. Nein, einer meiner absoluten Lieblingsautoren hat nach sechs Jahren Pause einen neuen Roman heraus gebracht.

DICKER SCHINKEN MIT INTERESSANTEN PROTAGONISTEN
Der erwartungsgemäß dicke Schinken heißt im amerikanischen Orginal „Purity“ und wurde im deutschen etwas ungelenk mit „Unschuld“ übersetzt. „Purity“ ist der eigentliche Vorname der jungen Pip Tyler, die sich für ihren Vornamen so schämt, dass sie sich grundsätzlich nur mit ihrem Spitznamen vorstellt. Sie lebt in Oakland und geht einem unterbezahlten und langweiligen Büro-Job nach, der zu wenig Geld abwirft, um ihre Studiengebühren zu tilgen. Ihre weltfremde Mutter lebt zurück gezogen in einem kleinen Ort und hat sich vom Konsum sowie dem Internet völlig abgewendet. Sie ist nicht nur ziemlich durchgeknallt und neurotisch sondern weigert sich vor allem, Pip ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen: Zu verraten, wer ihr Vater ist, den Pip nie kennen lernen durfte.

FLASHBACK IN DIE DEUTSCHE GESCHICHTE
Die Geschichte nimmt so richtig Fahrt auf, als der Whistleblower Andreas Wolf über Pips deutsche Mitbewohnerin Annagret Kontakt zu der jungen Frau aufnimmt. Er möchte sie für ein Praktikum für seine Initiative „Sunlight Project“ in Bolivien gewinnen. Dadurch soll sie nicht nur genug Geld verdienen, um ihre Studiengebühren endlich abzuzahlen, Andreas bietet zudem an, ihr bei der Suche nach ihrem Vater zu helfen. Pip hat keine Ahnung, warum der weltbekannte und berüchtigte Whistleblower ausgerechnet sie anspricht und ist ziemlich skeptisch. Aus Mangel an Alternativen und aus Neugier sagt sie jedoch zu und reist nach Bolivien.

In Perspektiven- und Zeitwechseln taucht Franzen tiefer auf die Lebensgeschichte von Andreas ein: Er nimmt den Leser mit in die DDR, in der Andreas bis zum Mauerfall lebte, und deckt sein dunkles Geheimnis auf, das er mit Annagret teilt, und das sein Leben bis in die Gegenwart maßgeblich beeinflusst. Und ihr lernt weitere Protagonisten kennen, die auf den ersten Blick nur wenig mit dem Plot zu tun haben, – deren Bedeutung für die Geschichte jedoch Seite für Seite geschickt enthüllt wird.

VORFREUDE BESTÄTIGT
Meine Vorfreude auf den neuen Roman von Jonathan Franzen ist auch diesmal definitiv nicht enttäuscht worden! Das Buch vereint Thriller, Zeitgeschichte, Bildungsroman und Familiendrama auf raffinierte und vor allem bis zum Schluss spannende Weise! Wenn ihr im Freundeskreis noch eine Leseratte zu beschenken habt, ist dieses Buch eine fantastische Geschenkidee – nicht zuletzt, weil die Feiertage hoffentlich genug Zeit bieten werden, in die rund 800 Seiten des Romans einzutauchen und alles um sich herum zu vergessen.

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