Gelesen: Die Gierigen von Karine Tuil

Die Gieriegen_Karin Tuil-2Manchmal ist es vielleicht besser, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Dem zumindest dürften die drei Protagonisten in Karine Tuils Roman „Die Gierigen“ zustimmen. Samuel, Samir und Nina lernen sich während des Jura-Studiums in Paris kennen und werden ein eingeschworenes Dreier-Gespann. Bis der Tunesier Samir mit der schönen Nina eine Affaire beginnt, während Samuel nach Israel zur Beerdigung seiner Eltern reist.

Das Ganze ist inzwischen 20 Jahre her und viel ist passiert: Samuel hat Nina verziehen und ist noch immer mit ihr zusammen. Er ist nie zu dem erfolgreichen Anwalt geworden, der er gern gewesen wäre, sondern kommt als Sozialarbeiter in der Banlieue eher schlecht als recht über die Runden. Nina ist noch immer bildschön und verdient ihr Geld als semi-erfolgreiches Model für Supermarkt-Prospekte. Doch mit Anfang 40 weiß sie auch, dass diese Karriere ein nahes Ende hat.

ZWANZIG JAHRE SPÄTER UND WELTEN DAZWISCHEN
Durch Zufall sehen die beiden einen TV-Beitrag über den erfolgreichen Staranwalt Sam Tahar aus New York, der bereits mit Anfang 40 eine beeindruckende Karriere hingelegt hat. Der mit der schwer reichen Ruth Berg, Tochter eines der einflussreichsten jüdischen Wirtschaftsbosse der USA verheiratet ist, Sohn jüdischer, inzwischen verstorbener Eltern aus Nordafrika, politisch engagiert und scheinbar ohne Makel.

Nina und Samuel trauen ihren Augen kaum: Sie sind sich ganz sicher, dass es sich bei dem Mann um ihren ehemaligen Freund Samir handelt, mit dem sie seit Ninas Affaire mit ihm keinen Kontakt mehr haben. Nur ist Samir weder Jude noch Waise sondern der Muslim und Sohn einer algerischen Putzfrau, der in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen ist. Und was er der Presse erzählt, klingt ziemlich genau wie Samuels tragische Lebensgeschichte. Das Paar nimmt Kontakt zu Samir auf und will sich mit ihm treffen: Kann es sein, dass Samir die Identität Samuels übernommen hat, um sich selbst zum Erfolg zu verhelfen?

LÜGEN, LIEBE UND ZERPLATZTE LEBENSTRÄUME
Spätestens von dem Moment dieses Entschlusses an ist es fast unmöglich, den Roman aus der Hand zu legen: Samirs sorgsam gehütetes Lügenkonstrukt droht in sich zusammen zu fallen, zwischen ihm und Nina knistert es auch nach 20 Jahren noch ganz gewaltig und Samuel wird von Eifersucht und Rache-Gedanken zerfressen.  Es geht um  Liebe und Vorurteile, die die eigene Zukunft zu verbauen drohen, um Rassismus und Identität, Liebe und zerplatzte Träume und vor allem um die Frage, inwiefern die soziale Herkunft den späteren Lebensweg vorgibt.

Durch die Perspektivenwechsel lernt man die drei Protagonisten und ihre jeweiligen Motive kennen und die zahlreichen Orts- und Zeitsprünge machen den Roman von Anfang bis zum Ende temporeich und spannend. Karine Tuil schreibt in einer schnörkellosen und direkten Sprache, die noch mal dazu beiträgt, das man das Blättern der nächsten jeweils Seite kaum abwarten kann. Und sie schafft es, jeden einzelnen Charakter des Trios so dreidimensional zu zeichnen, dass man trotz der teils furchtbar unsympathischen Seiten von Nina, Samir und Samuel doch eine gute Portion Mitgefühl für sie aufbringt.

Falls ihr auf der Suche nach einem packenden Roman seid, der euch regnerische Winterabende (und -Wochenenden) aber auch sonst alles andere um euch herum komplett vergessen lässt, dann ist“Die Gierigen“ von Karine Tuil der richtige Buchtipp für euch!

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